Die ewige Leidenschaft für Leder -
Belinda Salerno hat das traditionelle Handwerk einer Täschnerin gelernt


Mit den Händen wollte sie arbeiten, also wurde die 31- Jährige Taschenmacherin. Doch am Ende ihrer Lehrzeit plagte eine Leder-Allergie die junge Frau.

VON INGEBORG SCHWENKE-RUNKEL


„Die hält hundert Jahre, und die hält 200 Jahre." Taschen für halbe Ewigkeiten. Die eine, die „Hundertjährige", ist aus Kalbsleder, die andere, die „Zweihundertjährige", aus Büffelleder hergestellt. Beide hat Belinda Salerno handgemacht. Die Hundertjährige ist ihr Zwischenprüfungsstück, die Zweihundertjährige ihr Gesellenstück - eine Sporttasche in Schwarz und Pflaume mit Schnallen und vielen versteckten Verstau-möglichkeiten und ein Pilotenkoffer in Burgund, einschließlich Sicherheitsverschluss mit Code. Belinda Salerno ist Täschnerin. Doch sie übt ihren erlernten Beruf nicht mehr aus. Sie kann ihn nicht mehr ausüben. Sie schulte um und ist heute Bürokauffrau: „Genau das, was ich nie, nie werden wollte." Sie arbeitet in Köln, lebt und wohnt seit zehn Jahren in Leverkusen. Hier will sie auch bleiben. „Ich wüsste nicht, warum ich wegziehen sollte." Sagt sie und lacht.


Das Glück an der Ahle

Belinda Salerno - eine Name, der wie eine italienische Canzone klingt. Ihr Vater ist Italiener. Er kam Mitte der 60er Jahre nach Deutschland und blieb. Seine Tochter ging in Remscheid zur Schule und machte dort die dreijährige Ausbildung bei „Pfeiffer & Pagel", einem mittelständischen Betrieb, der sich auf Werkzeugtaschen spezialisiert hatte, 40 Mitarbeiter, inzwischen geschlossen.

16 Lenze war die heute 31-Jährige damals jung, als sie mit der Lehre begann. Ihr erstes Täschlein, einen Rucksack, hat sie für das Treffen aus dem Keller geholt: „Und lebt und lebt. Unkaputtbar." Sie wundert sich. Betrachtet das lustige Teil mit dem Rosenmuster und der lila Lederklappe wie ein unerwartet aufgetauchtes Schätzchen: „Kann ich eigentlich immer noch benutzen." Sie hatte vergessen, wie originell und apart der Erstling aussieht.

Hier sind die Schwachstellen: Worauf es bei einer guten Verarbeitung ankommt, zeigt Belinda Salerno, die Täschnerin. Ihr Gesellenstück, eine Sporttasche aus weichem Kalbsleder, hat weder Ecken und Kanten.

Die Handgriffe, die notwendig sind, um aus Leder-Stücken, Reißverschlüssen und Nieten eine Tasche zu fertigen, fallen ihr nach und nach wieder ein, als sie die Ahle in die Hand nimmt, jenes klassische Werkzeug mit Holzgriff („Heft") und Metallspitze („Ort") mit dem Schuster, Sattler und Täschner arbeiten.


Stich für Stich ein altes Handwerk: Die Ahle gehört zum Werkzeug eines Taschenmachers.
Ein Gefühl wie Samt

Verdrängung? Offenbar. Denn sie mochte ihre Arbeit, und sie mag das Material. Vor allem das weiche Kalbsleder, das sich zwischen Finger und Handfläche schmiegt. „Fühlen Sie, das ist doch wie Samt." Eine Hose aus diesem „Stoff hat sie sich geleistet.

Wenn sie sich Taschen oder Handschuhe kauft, dann müssen sie „schon top sein", das heißt: vor allem gut verarbeitet. Sie kennt die Schwachstellen wo Nähte platzen, Griffe drücken, Reißverschlüsse haken. „Die müssen an den Enden mit Leder hinterlegt werden." Sollen Ärztekoffer ein Medizinerleben lang halten, dann sollten die Seitenteile verstärkt sein. Das lässt sich nachkontrollieren und nachfühlen. Gefütterte Innentaschen - am besten mit Seide ausgeschlagen - Bügel, die nicht von der Schulter rutschen, weil sie flexibel gearbeitet sind - Belinda Salerno weiß genau, worauf sie achten muss, und dennoch trickst der schöne Schein auch die Fachfrau manchmal aus.

Das teuerste Stück in ihrer Sammlung aus dem Angebot einer Edelst-Marke entpuppte sich im alltäglichen Gebrauch als untauglich: „Ich hätte es merken müssen." Zur Ausbildung gehört es, Lederartikel zu entwerfen. Ihre Idee einen Beutel zu formen, der an Hirtentaschen erinnert, ist heute im Sortiment eines italienischen Modehauses verwirklicht. Als Material kam für sie nur das feine Kalbsleder in Frage. „Ich finde es nach wie vor sehr großzügig von meinem Chef, dass ich die Sporttasche - das Gesellenstück - aus dem teuersten Leder machen dürfte." Gerne würde sie auch heute Taschen-modelle erfinden. Keine Frage. Aber sie müsste dann auch während der Herstellung dabei sein. Doch das ist ihr Dilemma: Im Lauf des dritten Lehrjahres entwickelte sie eine Lederstaub-Allergie. Ausschlag an den Händen, rote Flecken auf den Wangen, Juckreiz am ganzen Körper. Aus der Traum. Leder-staub entsteht, wenn die scharfen Kanten bei Koffern geschliffen, wenn Nieten-Löcher gestanzt werden, kurz, immer dann, wenn das Material heftig bearbeitet wird und zwischen die Maschinen gerät. Auch die kleinste Leder-Firma näht inzwischen mit Maschinen. Nur ungewöhnliche Stücke werden Stich für Stich per Hand montiert.

Belinda Salerno wünscht sich eine eigene Leder-Nähmaschine. Dann könnte sie ihre Entwürfe umsetzen. Weil sie nicht mehrere Stunden hintereinander in einer Werkhalle säße, in der Staub aufgewirbelt würde, hätte auch die Allergie kaum eine Chance. Allerdings ist ein solches Spezialgerät teuer. Das Geld hat sich nicht. Stattdessen malt sie und gleicht damit die fehlende handwerkliche Tätigkeit aus.

Ihre erste Ausstellung ist noch bis Ende August im F.-I.-T.-Institut, Am Alten Schafstall 3-5, in Küppersteg zu sehen. Sie experimentiert gerne und arbeitet in ihren Bildern verschiedene Materialien ein. Eine Ausstellung, die ihre Fertigkeit und Fähigkeit vereint, mit Taschen-Objekten und Bildern, kann sie sich gut vorstellen. Passende Musik und Essen müsste es dazu geben. Sie weiß auch, wo das sein könnte: „Der Sensenhammer wäre der richtige Ort."